Konzept

Nur wenige Kinder wachsen heute noch mit einem selbstverständlichen Kontakt zur Natur auf. Der Kontakt zur Natur ist jedoch ein elementares Bedürfnis des Menschen, dessen Befriedigung deutlich zu seinem psychischen Wohlbefinden beiträgt, darüber hinaus ist er Voraussetzung für alle Ansätze zum Schutz und zur Bewahrung unserer Lebensgrundlagen. Dieser Punkt gewinnt, insbesondere vor dem Hintergrund derzeitiger Bemühungen, die AGENDA 21 in konkretes Handeln auf lokaler und regionaler Ebene umzusetzen, zusätzlich an Bedeutung. Im Text der AGENDA 21 wird eine aktive Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ausdrücklich erwähnt. Hieraus lässt sich eine besondere Verantwortung im Umgang mit Kindern ableiten, da diese für Grunderfahrungen und Grunderkenntnisse besonders aufnahmefähig sind:

Der Kindergarten als ein Ort des Lernens und der Bildung. Bildung ist hier zu verstehen als Ansprache und Anregung aller im Menschen angelegten Ebenen zur grundlegenden Erfassung der Welt. Das bedeutet, dass der ganze Mensch, in diesem Falle das Kind, über verschiedene Wege der Naturerfahrung und Naturwahrnehmung (z.B. kognitiv, sinnlich, künstlerisch- ästethisch, spielerisch) anzusprechen ist. Das so gewonnene Wissen geht über reines Erlernen weit hinaus. Die Entwicklung einer positiven Haltung unserer Kinder zur Natur und Umwelt hängt ganz entscheidend davon ab, inwieweit Kinder Möglichkeiten zur Naturbegegnung haben. Nur aufgrund eigener Erlebnisse und Erfahrungen können die Kinder die Natur als etwas Schützenswertes, Wertvolles und Liebenswertes kennenlernen. Für ein Kind das sich der erregenden Natur öffnet, ist es vor allen Dingen wichtig zu fühlen, um dann auf dieser Grundlage Wissen aufzubauen. Die Welt der Gefühle, in und mit der Natur, legt die Grundsteine für ein späteres verantwortungsvolles Verhalten, das geprägt ist von Respekt, Achtung und Liebe.

Gedanken zur Kindheit

Die Wirklichkeit des Kinderalltags heute unterscheidet sich wesentlich von dem Kinderalltag gestern. Kinderzeiten – Kinderwelten haben sich deutlich verändert. Die Erfahrungsräume der Kinder sind heute eingeschränkt und von Erwachsenen auf Kinder zugeschnitten. Fast alle Dinge sind zweckbestimmt und wenig bis gar nicht veränderbar. Den Kindern bleibt wenig Raum, ihre eigene individuelle Welt zu erleben und sich durch ihr kreatives Spiel mitzuteilen. Kinder brauchen viel Zeit, um ihre Erfahrungen auf allen Sinnesebenen machen zu können. Kinder lernen anders als Erwachsene.

  1. Handeln
  2. Fühlen
  3. Denken – Nachdenken

Wenn man als Erwachsener wieder versteht, dass ein Kind immer zuerst auf der Handlungsebene seinen Erfahrungsreichtum erweitert, ist es leichter, das Kind zu verstehen. Es wird deutlich, dass Kinder experimentieren müssen, um zum Nachdenken/Denken kommen zu können.

Was Kindern heute fehlt, sind weniger die organisierten Spielgelegenheiten, es sind vielmehr der Raum und die Zeit für eigenverantwortliches Handeln und initiatives Handeln. Das Spielen in einer „wilden“ Umgebung bietet hier bestmögliche Voraussetzungen. Heute haben Kinder oft genügend Spielzeug, so dass die Aufgabe des Waldkindergartens als familienergänzend zu sehen ist und darin besteht, den Kindern die Eigenphantasie und den Freiraum in der Natur zu erschliessen.

Wir sehen das FREIE SPIEL der Kinder als Grundlage für unsere Arbeit an. Beobachtet man das Kind, so zeigt es durch sein Spiel genau, wo es steht. In seiner Art zu spielen liefert es uns alle Informationen, die wir brauchen, um es verstehen zu können und ihm die nötigen Hilfestellungen zu geben, die es für eine gute, integrierte Lebensweise benötigt.

Integration spielt eine grosse Rolle in der Entwicklung des Menschen. Eindrücke und Erfahrungen wie Schmerz, Hunger, Angst etc. müssen schon in der frühesten Kindheit integriert, bzw. verarbeitet und vollständig aufgenommen werden können, damit der Mensch ein Wesen mit angepassten und koordinierten Reaktionen ist. Die Kinder wachsen heute in einer asphaltierten und konsumorientierten Umwelt auf, die es ihnen schwer macht, Basiserfahrungen wie Unebenheiten in der Wegstrecke, glitschige Materialien wie nasse Erde, schwere und kantige Steine, zu bewältigen und ihre Körperkräfte in jeder Hinsicht zu erproben. All dieses und mehr sind elementare Erfahrungen, die unerlässlich sind, um den eigenen Körper und dessen Grenzen wahrnehmen zu können. Wenn ich meine eigenen Grenzen nicht wahrnehmen kann, wie soll ich dann die seelischen und körperlichen Grenzen eines anderen wahrnehmen?

Wir denken, dass die Arbeit des Waldkindergartens ein wichtiger Beitrag zur Ergänzung in der Kinderwelt sein kann.

Ziele des Waldkindergartens

  • Lernen durch Bewegung, Sinneswahrnehmung und direktes unmittelbares Erleben.
    Das Ausleben des natürlichen Bewegungsdranges hilft Kindern, innere Körperspannung (z.B. Aggression) abzubauen und eigene Erlebnisse zu verarbeiten. Es entsteht Freude an der eigenen Aktivität und das Selbstwertgefühl wird gestärkt. Je mehr Bewegungserfahrung ein Kind gemacht hat, je geschickter und sicherer es in den einzelnen Bewegungsabläufen ist, um so beweglicher ist es auch, geistige Aufgaben zu bewältigen und seine Sprache zu differenzieren.
  • Unmittelbares und direktes Erleben der Natur; Unterstützung und Ausweitung der Sinneswahrnehmung.
    Das Kind wird zunächst auf der emotionalen Ebene angesprochen. Die Welt der Gefühle legt einen Grundstein für verantwortungsvolles Verhalten und weckt die Bereitschaft, als Erwachsener Intelligenz und Phantasie für die Erhaltung unserer Umwelt einzusetzen.
  • Sensibilisierung, dass alles Lebendige in einem grossen Zusammenhang steht und in Wechselwirkung zu sehen ist.
    Menschen, Tiere und Pflanzen leben miteinander und sind aufeinander angewiesen. Niemand kann für sich alleine leben.
  • Erkenntnis, dass alles Lebendige seinen Eigenwert hat und nicht nur aus Nutzersicht zu sehen ist.
  • Förderung der Konzentration und Ausdauer durch detailliertes Beobachten und Wahrnehmen.
  • Durch den Aufforderungscharakter der Natur eigene Spielideen entwickeln und umsetzen; die Phantasie und Kreativität wird gefördert.
  • In der Natur und mit der Natur konstruktiv und kreativ tätig werden.
    Kinder lernen zu akzeptieren, dass alles in der Natur seine eigene Zeit hat und nie abgeschlossen ist; alles befindet sich im Prozess von Entstehen, Wachsen und Vergehen.
  • In einer überschaubaren Gruppe soziale Konflikte konstruktiv lösen.
  • Stärkung des Gruppenbewusstseins durch gemeinsames Erleben.
  • Platzhaben zum Kindsein, zum Spielen, Lernen, Experimentieren, frei von Stress und Lärm.
  • Entwicklung von kritischen, selbstbewussten , selbständigen Persönlichkeiten, die in einer immer komplizierteren Umwelt ihren Platz finden und verantwortungsvoll tätig sind.

Erziehungsziele

Ziel des Kindergartens ist es, dem Kind zu helfen entsprechend seinen individuellen, alters- angemessenen Möglichkeiten, sein Leben selbstverantwortlich und selbständig zu gestalten.

Ausbildung der Ich-Kompetenz

Angesprochen ist hier das Verhältnis des Kindes zu sich selbst und seine Fähigkeit, sich, unter dem Gesichtspunkt der eigenen Interessen und Möglichkeiten, mit sich selbst und der Umwelt auseinanderzusetzen.
Das Kind soll:

  • Vertrauen zu seinen eigenen Fähigkeiten gewinnen und, soweit es ihm möglich ist, selbständig handeln.
  • Im Spiele eigene Interessen und Bedürfnisse angstfrei zum Ausdruck bringen und angemessen vertreten.
  • eigene Grenzen erfahren und lernen sie zu akzeptieren.
  • die Grundgefühle, Freude, Angst, Trauer und Wut erleben, ausdrücken und angemessen mit ihnen umgehen.
  • sich artikulieren können. Sprache, Mimik und Gestik sollen entwickelt und verbessert werden.
  • an Planungen teilnehmen und Aufgaben übernehmen.
  • Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen und die Möglichkeit erhalten, die daraus resultierenden Konsequenzen tragen zu können.
  • Selbständigkeit soweit entwickeln, dass es fähig ist, altersangemessene Aufgaben zu bewältigen.
  • die eigene Persönlichkeit erkennen und akzeptieren und sich mit Selbstvertrauen nach außen zeigen können.

Ausbildung der Sozialkompetenz

Hier ist das Verhältnis des Kindes zu seiner sozialen Umwelt zu verstehen. Es bezeichnet die Bereitschaft und Fähigkeit des Kindes Bedürfnisse, Wünsche, Interessen und Gefühle anderer wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren.
Das Kind soll:

  • Konflikte darstellen und Lösungsmöglichkeiten suchen.
  • um Hilfe bitten, sich helfen lassen, anderen Kindern Hilfe anbieten.
  • im Freispiel andere Kinder ansprechen oder zum Mitspielen anregen können.
  • sich aktiv und konstruktiv an Lösungen in Konfliktsituationen beteiligen können.
  • die Schwierigkeiten eines Zusammenlebens erfahren, aber auch die Vorteile erkennen.
  • die unterschiedlichen Bedürfnisse andere Gruppenmitglieder ernst nehmen.
  • Gefühle der anderen erkennen können und in der jeweiligen Situation angemessen reagieren, z.B. trösten.
  • sich in die Gruppe eingliedern und seinen Platz finden.
  • die Regeln der Gruppe einhalten und, falls nötig, als Gruppenmitglied selbst Regeln vorschlagen oder gemeinsam mit der Gruppe entwickeln.

Ausbildung der Sach-Kompetenz

Hier ist das Verhältnis des Kindes zu seiner natürlichen, technischen und kulturellen Umwelt gemeint. Das Kind soll in dieser Umwelt Erfahrungen sammeln und bereit sein, sich realitäts- und sachangemessen zu verhalten.
Das Kind soll:

  • sich als Teil der Natur erfahren.
  • Lebensmuster und -systeme von Tieren und Pflanzen beobachten und erkennen können.
  • natürliche Zusammenhänge erkennen können und sie in Zusammenhang mit dem eigenen Leben bringen.
  • Sinneswahrnehmung schulen und verfeinern z.B. Farben, Formen, Gerüche einordnen,
  • unterscheiden und benennen können.
  • Experimentierfreude entwickeln.
  • am Beispiel der Jahreszeiten Raum und Zeit erfassen.
  • künstlerische Gestaltungsfähigkeiten ausbilden.
  • Naturphänomene, wie Wetterveränderungen und Gewitter verstehen lernen.

Schulfähigkeit

„Schulfähigkeit bedeutet, neue und unbekannte Anforderungen aufgrund einer stabilen Selbstsicherheit neugierig und aufmerksam sowie angstfrei aufzugreifen und mit Interesse und Konzentration nach einer Lösung zu suchen und zu finden.“ (Zitat von A. Krenz)

In diesem Sinne Schulfähigkeit begriffen bieten wir den Kindern gute Möglichkeiten diese zu entwickeln. Wir achten darauf, dass die

  • emotionale Schulfähigkeit ( Ausgeglichenheit, Zuversichtlichkeit, Vertrauen…)
  • kognitive Schulfähigkeit ( Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Logik, Sprachfluss..)
  • soziale Schulfähigkeit ( Kontaktfreude, Toleranz , Einhaltung der Regeln..)
  • motorische Schulfähigkeit (Reaktionsfähigkeit, Koordinationsfähigkeit, Feinund Grobmotorik) besonders angesprochen werden.

Organisatorisches

Die Verhaltensregeln in der Natur stellen den haltgebenden Rahmen des Kindergartenalltags dar. Um nur einige zu nennen, sind das die Entfernungsregel (Ruf- und/oder Sichtweite), der Umgang mit der Natur, die gegenseitige Achtung und der Umgang mit der Ausrüstung.

Der Bauwagen im Wald ist Ausgangs- und Endpunkt des Kindergartentages, dient der Unterbringung des Materials, sowie als Schutzraum bei extremer Witterung.

Elternarbeit

Es ist davon auszugehen, dass die Eltern, die ihre Kinder in einen Waldkindergarten schicken, sich bewusster und engagierter in der Frage des Aufwachsens ihrer Kinder verhalten. Daher wird auf eine Zusammenarbeit zwischen BetreuerInnen und Eltern besonderer Wert gelegt. Hierbei haben die Eltern, die Aufgabe den Kindergarten und die BetreuerInnen nach Kräften zu unterstützen bzw. zu entlasten durch die Übernahme von Tätigkeiten, die keine pädagogische Ausbildung voraussetzen.
Die BetreuerInnen sollten ihrerseits die Eltern über Aktuelles und Geplantes informieren und einbeziehen (Elternmitarbeit). Wichtig ist hierbei die Eigenverantwortlichkeit der BetreuerInnen und deren Gestaltungsfreiheit im Rahmen des Konzeptes.
Die Eltern verpflichten sich, aktiv zum Funktionieren des Waldkindergartens beizutragen, z.B. Vorbereitung von Festen, Instandhaltung, Mütter/Väterdienst (Unterstützung der BetreuerInnen).

BetreuerInnen und Betreuung

Entsprechend der Richtlinien des Landesjugendamtes Niedersachsen zur Einrichtung eines Waldkindergartens werden zwei BetreuerInnen mit pädagogischer oder sozialpädagogischer Ausbildung mit der Betreuung der 15 Kinder im Alter von 3 Jahren bis zur Einschulung für 20 Stunden pro Woche betraut.
Um den Gedanken der geschlechterspezifischen Entwicklung aufzugreifen, sollten möglichst ein Betreuer und eine Betreuerin im Waldkindergarten arbeiten.

Ergänzung zum Pädagogischen Konzept

Nach einigen Jahren Waldkindergartenarbeit stellten wir fest, dass wir unser Pädagogisches Konzept überdenken sollten. Im Jahr 2005 wurde daher durch die Mitgliederversammluing die folgende Ergänzung, die im Wesentlichen den Punkt „Gedanken zur Kindheit“ berührt, an das Konzept angehängt:

Wir sehen in der durchlässigen, variablen Verbindung von freiem und gelenktem Spiel den geeigneten Weg, die Bedürfnisse der Kinder einerseits nach freier Entfaltung, andererseits nach weiterführenden Erfahrungen sowie Sicherheit, Vertrautheit und Gewohnheit durch pädagogisch aufbereitete, gelenkte Phasen, zu berücksichtigen. Daher ist der Kindergartenmorgen gekennzeichnet durch den Wechsel von freien und gelenkten Phasen, etwa zu gleichen Teilen.

Die gelenkten Phasen stehen unter einem Projektthema, zu dem die Eltern aufgefordert sind, Vorschläge zu machen, das aber durch die ErzieherInnen festgelegt wird, da sie es in praktische Arbeit umsetzen. Im Kindergartenjahr finden zwei Projekte statt.

Im ersten Projekt ist zu beachten, dass die Gruppe neue Kinder aufgenommen hat, der Prozess der Gruppenfindung ist in die Projektdurchführung zu integrieren. Damit ist auch die eher „nach innen gerichtete“ Tendenz zu diesem Zeitpunkt vorgegeben, eine öffentlichkeitswirksame Präsentation ist nicht vorgesehen, wohl aber im üblichen Rahmen für die Eltern. Dieses können Bastelergebnisse, kleine Themenheftchen, eingeübte Lieder oder Spiele sein. Weitere projektbezogene Handlungsmöglichkeiten bieten Museums- oder Theaterbesuche. Thematisch bieten sich für das erste Projekt naturkundliche und/oder jahreszeitliche Inhalte an.

Das zweite Projekt sollte geeignet sein, eine öffentlichkeitswirksame Präsentation, z. B. durch ein öffentliches Sommerfest oder ähnliches, zum Projektabschluss zu ermöglichen.